Wo ist mein Waldmeister?

Diese Frage stelle ich mir, seit in der letzten Woche, pünktlich zum Beginn des meteorologischen Frühlings, meine Gartensaison begonnen hat. Weil das Wetter sich zumindest an zwei Tagen zeitweise an die Vorgaben der Meteorologen gehalten hat, habe ich angefangen, in den Beeten altes Laub, vertrocknete Stengel und Blätter zu entfernen. Denn darunter wartete schon das neue Grün auf seinen Auftritt.

Wieder da: Der Bärlauch gedeiht auch im Schatten von Efeu und Vogelschutzhecke

Der Efeu hat – wie immer – meine Abwesenheit genutzt. Von den Zäunen aus erobert er den Garten, sobald ich mich eine Zeit lang nicht im Garten sehen und ihn gewähren lasse. Und wie immer denke ich, dass ich dem Beispiel von Kaspar Klaffke und Gesa Klaffke-Lobsien folgen sollte. Die beiden kennen sich nämlich mit Pflanzen und Gärten wirklich gut aus: Gesa Klaffke-Lobsien ist Biologin, Kaspar Klaffke war Leiter des Gartenbauamts in Hannover. Sie haben die Aktion offene Gärten in die Region Hannover und nach Deutschland gebracht. Und sie haben eine alte Friedhofsgärtnerei in einen wunderschönen Garten verwandelt – ein kleines Paradies in der Stadt.*

Die beiden verbringen viel Zeit im Garten – sie lieben Pflanzen, hegen und pflegen sie. Aber der Efeu hat bei ihnen Gartenverbot, eben weil er sich überall breitmacht, sobald man ihm einen winzigen Teil überlässt.

Bei mir ist es im Garten wie im richtigen Leben: Ich bin nicht sehr konsequent. Und so dulde Efeu an allen Zäunen, nicht nur, weil er immer grün ist, sondern auch, weil er einmal einem Zaunkönig als Nistplatz gedient hat. Aber in den Beeten hat der Efeu nichts zu suchen. Und so habe ich die bei meinem ersten Gartenarbeitstag in diesem Jahr eimerweise Bodentriebe mitsamt Wurzeln ausgerissen.

Fast wäre auch kleine stachlige Pflanze meiner Ausreißwut zum Opfer gefallen. Ich habe sie für einen Ausläufer der Brombeere gehalten, die dem Efeu  Konkurrenz macht und sich von der Stirnseite des Gartens im angrenzenden Beet breitmacht. Doch im letzten Moment habe ich unter Efeuranken und altem Laub das kleine Schild entdeckt und mich erinnert: Hier habe ich im vergangenen Sommer eines der adoptierten Rosenkinder eingepflanzt (https://chaosgaertnerinnen.de/rosen-rosen).

Die Bibernell-Rose ist eine intensiv duftende alte Sorte, die – anders als die meisten ihrer Geschwister – auch im Schatten gedeiht. So stachlig hatte ich sie allerdings nicht in Erinnerung – sonst hätte ich siewahrscheinlich in die wilde Ecke hinter die Teiche gepflanzt. Dort ist die Vogelschutzhecke mit Vogelbeere, schwarzem Holunder, Weißdorn, Berberitze, Schlehe, Heckenrose und Felsenbirne gut über den Winter gekommen, auch der Bärlauch ist schon recht groß. Der Waldmeister ist dagegen verschwunden, keine Ahnung warum, weshalb und wohin.

Jahrelang hat er sich in der Ecke ausgebreitet, jedes Jahr ein bisschen mehr. Im vergangenen Jahr habe ich deshalb einen kleinen Teil der Pflanze vorsichtig ausgegraben und an zwei Stellen im Garten verpflanzt habe. Hat er mir das übel genommen? Oder war die Konkurrenz von Hecken, Efeu und Minze zu groß. Ich suche den Boden ab, vom Vater keine Spur, während die verpflanzten Söhne an ihren neuen Standorten hervorragend gedeihen.

Der Waldmeister-Ableger wächst und gedeiht; der Vater ist verschwunden.

Die Pfingstrosen haben den Umzug in unseren Garten und den ersten Winter ebenfalls überstanden: Sie waren aus dem Harz sicher ein raueres Klima gewohnt. Eine Bekannte hat mir ein paar Ableger geschenkt, als ich ihr von den Pfingstrosen im Garten meines Elternhauses erzählte – und wie sehr ich es bedaure, dass ich sie nicht (teilweise) ausgegraben und mitgenommen habe, bevor wir das Haus verkauft haben. Denn es war eine alte Sorte; die Blüten haben – anders als die Pfingstrosen, die ich in den vergangenen Jahren in unserem Garten gepflanzt habe – sehr intensiv geduftet. Die neuen Ableger tun es auch, hat Gudrun gesprochen. Ich bin gespannt.

Zaghafter Blick in die neue Heimat: meine neue alte Pfingstrose

PS: Nachdem ich diesen Blogpost geschrieben und veröffentlicht hatte, habe ich auf dem Markt meine Kräuterfrau getroffen, bei der ich Kräuter und andere Pflanzen kaufe. Als ich ihr mein Leid vom verschwundenen Waldmeister klagte, lachte sie. Dass mein Waldmeister am angestammten Platz noch nicht zu sehen sei, sei normal. „Für Waldmeister ist es noch zu früh. Der kommt erst in ein paar Wochen aus dem Boden. Der verschwindet nicht“, versicherte sie mir. Ich solle Geduld haben.

Aber ich fürchte, auch hier ist es im Garten wie im richtigen Leben: Geduld zählt nicht zu meinen Kernkompetenzen.

*Mein Artikel über Wohnen in einer alten Gärtnerei in wohnwerken 2017, S. 144ff:  https://issuu.com/schluetersche/docs/wohnwerken_04

Gesa Klaffke-Lobsien, Kaspar Klaffke:
GartenLeben in der Alten Gärtnerei, Springe 2015.
Das Buch ist erschienen im  Zu Klampen Verlag

Von Un- und anderen Kräutern

Böse Zungen behaupten, dass bei mir nur die Pflanzen überleben, die auch den härtesten Bedingungen trotzen, die also auch ohne (meine) Pflege überleben würden. Wie jedes gute Gerücht hat auch dieses einen wahren Kern. Dass ich keinen grünen Daumen und kein gutes Gedächtnis für Pflanzen habe, ist kein Geheimnis.

Trotz meiner anerkannten Florasthenie ist unser Garten keineswegs öd und leer. Das liegt sicher auch daran, dass ich – meine Grün-Schwäche kennend – überwiegend Pflanzen kaufe und ansiedle, die robust sind und schnell heimisch werden. Waldmeister zum Beispiel oder auch Bärlauch, die nicht nur in der wilden Ecke am Teich, sondern auch  im Schatten des Apfelbaums gut gedeihen. Auch andere Kräuter – z. B. Minze (mindestens vier verschiedene Arten), Salbei (drei Arten), Zitronenmelisse, -thymian und -verbene – fühlen sich bei mir sehr wohl. Das ist gut so, denn die Zuneigung beruht auf Gegenseitigkeit. Ich liebe duftende Kräuter. Und Rauke habe ich zum (Fr)Essen gern.

Bärlauch ...
Bitte nicht verwechseln: Bärlauch …

Außerdem habe ich ein Faible für Wiesen- und Feldblumen, die in meiner Kindheit überall gewachsen sind und teilweise als Unkraut galten: Maiglöckchen, Mohn, Fingerhut, Glockenblumen, Akelei und Stockrosen sind bei mir willkommen und dürfen sich  ausbreiten.

… und Maiglöckchen

Dreimasterblumen, Topinambur, Bergastern und Beinwell weise ich dagegen wegen ihres einnehmenden Wesens gelegentlich in die Schranken – sprich, ich reiße sie aus, wenn sie alle Pflanzen neben sich zu überwuchern drohen. Das tue ich nicht gerne, denn ich mag ihre Blüten. Und Grenzen zu ziehen fällt mir auch im richtigen Leben nicht leicht. Aber vielleicht lerne ich im Garten ja etwas fürs Leben.

Gespannt bin ich, was demnächst in dem Beet am Zaun wächst: Dort werde ich, wenn mit der kalten Sophie die letzte Eisheilige vorbei ist, Samen von 30 Blumensorten aussäen, die gerne von Bienen angeflogen werden. Ob ich damit die Bienen rette, weiß ich nicht. Für alle Fälle habe ich für sie  und andere Insekten ein kleines Hotel eröffnet – mit Blick aufs Wasser

Ich habe zwar keinen grünen Daumen, aber ein blindes Huhn findet ja bekanntlich auch gelegentlich ein Korn. Und so bin ich stolz auf einige Pflanzen wie Rittersporn oder Pfingstrosen,  die eher als Diven gelten. Die Pfingstrosen blühen in diesem Jahr zum ersten Mal, sie duften aber leider nicht. Das ist bei meiner Lieblingsrose anders: Rhapsody in Blue hat meine Schnittversuche offenbar überstanden und sehr viele Knospen. In einigen Wochen wird sie duften und blühen – allerdings  nicht blau, sondern in meine Lieblingsfarbe lila.

Pfingstrosen und Rosen